Señor Coconut presents
Coconut FM
Legendary Latin Club Tunes
Catalogue no.: AYCD 07
Willkommen im Cocovina Club
Congas und Casios? Puertoricanischer Rap und ein Wortschwall auf Spanglish? Booty Beats und spanische Gitarren? Schon klar: Das muss Coconut FM sein. Durch das Programm führt Señor Coconut, das Alter Ego von Uwe Schmidt, jener legendäre Elektronik-Komponist, auch bekannt unter Atom Heart, Atom™ und Dutzenden anderen Pseudonymen. Auf Coconut FM – das bei Essay Recordings, dem Label der gefeierten Compilation-Reihen Rio Baile Funk: Favela Booty Beats and Bucovina Club erscheint – nimmt einen Señor Coconut auf eine Reise durch den Elektronik-Underground Lateinamerikas mit. Nein, kein chilenischer Micro House. Nein, auch kein mexikanischer Psycho Trance. Hier geht es um Genres wie Funk Carioca (Baile Funk), Cumbia, Reggaeton und deren verschrobene Kombinationen und Abwandlungen.
Fast zehn Jahre lebt Señor Coconut nun in Santiago de Chile. Dort ist er umgeben von den Sounds des Alternative Dancefloor – Latin Mutant Disco könnte man auch dazu sagen. Sie liefern die Grundierung für den verrückten Swing und die wahnwitzigen Synkopierungen auf seinen Alben „El Baile Alemán“ and „Fiesta Songs“, auf denen Señor Coconut Kraftwerk mit Merengue verschmolz und Michael Jackson den Cha Cha Cha beibrachte. Nun verneigt er sich vor den Roots und hat eine Sammlung großartiger Songs aus ganz Lateinamerika zusammengestellt, von der Karibik bis nach Argentinien und Chile.
So unterschiedlich die versammelten Genres auch sind – eins haben sie gemeinsam: Sie sind gewissermaßen Volksmusik im eigentlichen Sinne und durchfluten die Communities der favela, des barrio und der villa. Wie die Klänge im einzelnen ethnographisch verschaltet sind, braucht uns nicht zu kümmern. Und nicht ärgern, wenn man weder Spanisch noch Portugiesisch noch den Boricua-Slang versteht. Nicht, dass die Inhalte unwichtig wären. Die Ghetto-Kids haben in dieser Musik ihr Sprachrohr gefunden. Für sie sind die Songtexte von Tego Calderon die Bahnhofsdurchsagen auf der Reise in ein besseres Leben. In Los Pibes Chorros sehen sie die lateinamerikanischen Wiedergänger von Robin Hood in einer Zeit der Raubritter. Aber die Geschichten werden bereits durch den Mix erzählt, durch die Beats und die Zitate. Im Grunde geht es um den Soundtrack des Postkolonialismus’ – was dem einen sein Ölfass, ist dem anderen seine Steel Drum. Was der westlichen Welt Copyright-Gesetzgebungen sind, ist in Lateinamerika ein Zettel, der die überfüllten Straßen entlangweht – vorbei an Bootleg-Ständen vor zusammengeschusterten Hütten, tuckernden Dieselmotoren, die kaum das Surren der allerorten angezapften Strommasten übertönen.
Funk Carioca – ohne Zweifel das heißeste Exportgut Brasiliens seit dem G-String. Funk Carioca ist Rios Version von Miami Bass – eine wilde Melange aus Electro-Beats und portugiesischen Raps, schamlos zusammengeklauten Samples und durchgedrehten Sound-Effekten, die von Rave-Bombardements durchschossen werden. Compilations wie Rio Baile Funk und Bands wie Tetine haben diese musikalische Form westlichen Ohren eingeflüstert. Nun geht Coconut FM mit sechs (r)evolutionären Tracks dieses jungen Genres auf Sendung. Jeder einzelne der Cuts von Vanessinha & Alessandra, Malha Funk, Os Carrascos, DJ Alexandre, Bonde Neurose and Vanessinha Picatchu ist heißer als das Blechdach einer favela-Bretterbude in der drückenden Mittagshitze. Der Funk, den uns Coconut FM um die Ohren haut, ist schnell, billig – und pures Adrenalin.
Reggaeton – eine wüste Kreuzung aus jamaikanischem Reggae, amerikanischem HipHop und der barrio-Kultur Puerto Ricos und Panamas. Die inbrünstige Verehrung von Reggaeton durch die Latinos in Amerika springt nun auch auf die weiße Kultur über. Wer außer Daddy Yankees „Gasolina“ sträflicherweise nichts kennt, den führt Coconut FM auf den Pfad der Tugend (oder wahlweise auch schon mal in die Irre). Die sechs Tracks stammen aus Puerto Rico, Chile, Argentinien und Panama und reichen von Tego Calderons entspanntem „Cambumbo“ bis zu Peter Raps vom Electro-Funk getragenen „Punta“. Und weil Reggaeton ein Virus ist, der alle und alles befällt, gibt es auf Coconut FM auch zwei Hybrid-Tracks: Piedra featuring Chico & Delaselva (denen auch ein Mitglied der mit Awards überhäuften HipHop-Formation Hermanos Brothers angehört) aus Chile vermengen Reggaeton und Cumbia und umgekehrt. Und kein Geringerer als Don Atom verschmilzt, unterstützt vom chilenischen Rapper Tea Time, Reggaeton mit Acid Techno.
Cumbia – ursprünglich ein Musikstil aus Kolumbien. Inzwischen bebt aber alles zwischen Mexiko, den USA und Argentinien im Takt der Cumbia. In Argentinien schlug die Stilistik Wurzeln im Arbeitermilieu der villas und entwickelte sich zur Cumbia Villera. Von den auf Coconut FM versammelten Stilen klingt dieser wohl am vertrautesten und traditionellsten. Doch Tradition, das zeigt Coconut FM deutlich, ist nichts eindimensionales, sondern erstrahlt irrlichternd in all seinen Facetten. Gladys aus Kolumbien vollführt auf „Not Te Vayas Corazon“ die wahnwitzigsten Zirkuskunststückchen. Dick El Demasio dreht mit den „mayonnaise monsters“ auf „La Cebolla“ durch – ein durchgeknallter „cumbia lunática“-Track mit mehr Delay als Lee „Scratch“ Perry in einer Zeitschleife. Los Pibes Chorros entführt dann mit seiner boys-in-da-villa-Hymne die lieblichen Cumbia-Klänge ins Straßenviertel der Gangsta.
Wie dem auch sei: Wo immer man herkommt – man muss sich auf eine Überraschung gefasst machen. Latin-Liebhaber können sich über einen Querschnitt durch musikalische Stile freuen, den man sonst nirgends zu hören bekommt. Noch nicht einmal in Miami, wo sich die beiden Amerikas vermischen. Und man kann noch so viel über elektronische Musik wissen, aber Coconut FM atmet den Geist der Unbefangenheit, wie man ihn seit der Frühzeit des Rave nicht mehr erlebt hat. Snobs, wollt ihr ewig leben? Coconut FM ist volksnahe Avantgarde.
Philip Sherburne, San Francisco/Barcelona, www.philipsherburne.com
TRACKLISTING
01. Coconut FM 1
02. Gladys: No Te Vayas Corazón (ARG) Cumbia Tropical
03. Vanessinha und Alessandra: Gira (BRA) Funk
04. Malha Funk: Nova Dança (Melo Do James Brown) (BRA) Funk
05. Os Carrascos: Labirinto Dos Carrasco (BRA) Funk
06. Piedra feat. Chicho und Delaselva: Quiero Pare (CHI) Cumbiaton
07. Los Pibes Chorros: Llegamos Los Pibes Chorros (ARG) Cumbia Villera
08. Dick El Demasiado: La Cebolla (ARG) Cumbia Lunática
09. Tego Calderón: Cambumbo (PR) Reggaeton
10. Negreton: Dile (ARG) Reggaeton
11. Coconut FM 2
12. Catherine: No Me K's-tigues (PAN) Reggaeton
13. Peter Rap: Punta (CHI) Reggaeton
14. Don Atom feat. Tea Time: Mueve La Cintura (live vers.) (CHI) Aciton
15. DJ Alexandre: Toma Toma (BRA) Funk
16. Bonde Neurose: Feia Pra Cascalho (BRA) Funk
17. Vanessinha Picatchu: Pega Pega (BRA) Funk
BIOGRAFIE SR. COCONUT
Interview mit Senor Coconut, Köln, im Mai 2006.
Autor: Thomas Elbern
1.) Wie kamst du auf die Idee ein Album YMO zu widmen?
Sagen wir mal so, nach der letzten Senor Coconut-Phase oder generell
nach jeder Phase bekam ich immer ziemlich viel Input so aus allen Ecken
zu Senor Coconut. Ich glaube, es ist ein Projekt, das ziemlich viele
Bilder und Möglichkeiten hervorruft bei Leuten. Das fand ich
sehr spannend; man trifft dann auf Konzerten irgendwelche Leute, die
einem dann schon ihre nächste Señor Coconut
schenken mit Cover und Covertitel, und die dann sagen „mach
doch mal dies oder jenes“. Und jeder, verschiedenste Leute,
mit denen man so zu tun hat, also auch Musiker und Freunde, haben so
ihre Idee entwickelt. Und aus Japan selber kam die Idee mit Yellow
Magic. Wir bekamen von Leuten, mit denen wir Jahre zusammengearbeitet
haben diese Idee geliefert. Und es war eigentlich für mich nur
die Frage, welche Idee lässt sich auch am interessantesten
oder kompatibelsten umsetzen. Also wen interessiert das, mache ich
jetzt „dies“ oder mache ich jetzt
„das“. Für mich waren musikalisch alle
Ideen gleich interessant, wobei sich diese Idee mit Yellow Magic am
einfachsten umsetzen ließ. Das waren Momente, die passierten,
aus denen sich das ergab. Man muss das Produkt nicht erzwingen, es
floss aus sich heraus.
2.) Welche Berührungspunkte hattest du mit dem
Yellow Magic Orchestra?
Ich habe ein paar Platten mit Haruomi Hosono gemacht, der eigentlich
auch der Gründer von Yellow Magic Orchestra ist. 1995 und 1996
haben wir zwei Platten zusammen gemacht und ich habe zwischendrin auch
immer Sachen bei ihm veröffentlicht. Die letzte Platte war
eine Acid-Scheibe von mir, die er letztes Jahr noch auf seinem Label
Daisyworld in Tokio veröffentlicht. Ich kenne ihn sehr gut, so
gut es halt geht über die Distanz, und mit Sakamoto habe ich
auch ein paar Sachen gemacht für sein Online Chainmusic
Project, und ich glaube, denen gefällt die Idee ganz gut.
3.) Wie nahe steht dir die Musik von YMO, sind sie deine Helden? Ja, würde ich schon sagen. Im Vergleich zu vielen anderen Bands die ich so gecovert habe, waren es Yellow Magic. Nicht unbedingt Yellow Magic selbst, sondern die Einzelproduktionen, die nach Yellow Magic kamen, weil es sie ja schon gar nicht mehr gab, als ich anfing Musik wirklich zu hören. Hosono ist zum Beispiel einer der wenigen Leute, die mich sehr beeindruckt haben damals, weil ich aus einer Musikprägung herauskam, aus einer sehr europäischen Sichtweise von Musik, die immer sehr kalte und düstere Einblicke gewährte, wie etwa Kraftwerk, Front 242 oder EBM generell. Kraftwerk zum Beispiel ist vordergründig nicht sehr humorvoll und diese vorgetragene Düsterkeit ist eine eher romantische Sichtweise, das sich Beschäftigen mit einer gewissen Technologie, die es eigentlich schon gar nicht mehr gibt. Dann hörte ich das erste mal japanische Popmusik, ungefähr 1988, und die Japaner erschienen mir weniger konzeptionell als alles; was ich damals sonst so gehört habe - weniger konzeptionell als Kraftwerk zum Beispiel - aber wesentlich futuristischer in einer echten Hinsicht. Das sind dann einfach Leute, die 1984 digital aufgenommen haben, weil es einfach so in deren Kultur liegt, das „Nach-Vorne-Gerichtetsein“. Sie erscheinen als richtige Positivisten und haben aber gleichzeitig eine östliche Spiritualität, so einen Humor und eine Verspieltheit, die mich damals ziemlich beeindruckt hat. Das habe ich so an europäischer Musik, nordamerikanischer Musik, gerade elektronischer Musik überhaupt nicht gehabt, dass jemand elektronische Musik macht und gleichzeitig witzig sein kann ohne dieses spaßmacherhafte goofyhafte, das fand ich an Yellow Magic sehr beeindruckend; generell heute immer noch an der japanischen Kultur.
4.) Wie hast du die Musik/Stücke und Stimmungen
für dieses Album ausgewählt?
Das war relativ kompliziert, weil es erstmal wieder um einen
Interpreten ging, dem Yellow Magic Orchestra. Da muss man sich
überlegen, welche Titel funktionieren, wie funktionieren sie,
in welchem Stil funktionieren sie, das heißt, man muss sich
schon ein bisschen vorstellen, wie das Album später klingen
soll : sind zu viele schnelle Stücke drauf oder zu viele
langsame, zu viele Cha cha chas, zu viele Mambos oder was auch immer.
Andererseits: was ist wirklich kompatibel, welche Titel von Yellow
Magic, die man gut findet, lassen sich überhaupt
übersetzen. Da gab es dann noch mal das Spezialproblem, wenn
möglich von den drei Komponisten gleich viele Titel zu nehmen;
das war an sich schon nicht einfach. Und dann noch am besten die Hits
auszuwählen, die in Japan, Amerika oder England erfolgreich
waren. Das war ein recht schwieriges Unterfangen, am Ende noch immer
eine Trackliste zu haben, die ich persönlich interessant
finde, musikalisch interessant finde, was aber, denke ich, gut gelungen
ist. Ich war dann doch sehr zufrieden, auch mit der Endauswahl und habe
dann auch versucht, diese Inkompatibilitäten, die es da gab -
zu viele schnelle Stücke drauf zum Beispiel - durch die
Arrangements oder durch Umarrangieren wieder in ein harmonischeres Bild
zu bekommen.
5.) Fehlt dieses Mal nicht der Wiedererkennungseffekt, der
bis dato alle Coconut CD's auszeichnete?
Ich habe bei dieser Platte versucht – ich fand interessant,
nicht auf den Widererkennungseffekt mit dem Lied zu operieren, sondern
eine Platte zu machen, die als musikalische Einheit funktioniert, eben
ohne diesen Widererkennungseffekt. Und für die, die es
benötigen, vielleicht jetzt für dich oder
für uns aus Deutschland, sieht es so aus. Für die
Japaner sieht es anders aus und bei Kraftwerk ist es nicht anders. Wir
haben zum Beispiel auch Konzerte gespielt mit Senor Coconut in Mexiko,
und für den durchschnittlichen Mexikaner fehlt der ganze
Kraftwerkbezug. Oder wir haben auf Plätzen gespielt in Mexiko
City für Leute, die gerade herumliefen; es waren relativ
wenige Eingeweihte oder Fans da oder Leute, die das nachvollziehen
konnten, und dann waren da trotzdem Leute, die anfingen zu tanzen und
die das super fanden, etwa Pärchen, die schon 60 oder 70 Jahre
alt waren und die haben dann zu "Showroom dummies" Cha cha cha getanzt,
obwohl für die der ganze Bezug fehlte; die nicht wussten wer
ich bin oder worum es geht oder wer Kraftwerk ist. Und es funktionierte
auf musikalischer Ebene. Deshalb fand ich diesen Wiedererkennungswert,
dass der in Anführungszeichen für Europäer
nicht so ganz da ist, nicht so wichtig. Ich denke, wenn es eine
gutgemachte Platte ist und eine musikalisch anspruchsvolle Platte, dass
das ausreicht.
6.) Wie hast du dieses Mal Studiotechnologie eingesetzt? Wie
groß ist der organische Anteil an den Aufnahmen?
Wir haben alles komplett organisch aufgenommen, also auch
durcharrangiert mit Musikern und versucht, ein Orchesterarrangement zu
erstellen. Allerdings, und das wusste ich im Vorfeld auch schon, habe
ich das komplett wieder zerschnitten zu Hause, weshalb dann die Frage
nach dem organischen Anteil berechtigt, aber schwer zu beantworten ist.
Ich habe im Prinzip jeden Schlag auf der Platte von Hand zerschnitten.
Alles was du hörst, jede Note, wurde einmal angefasst und
irgendwohin geschoben und zerschnitten und neu wieder zusammengesetzt.
Da ist nichts mehr so, wie es mal aufgenommen wurde. Graduell, je
nachdem; es gab Titel, die sind relativ nah an der Aufnahme geblieben,
und es gibt welche, bei denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist.
Für mich stellt sich nicht die Frage: Ist es organisch? Echt
oder falsch ? Das ist Unsinn! Eher: Ist es so, wie ich es mir
vorgestellt habe? Und darum geht es im Prinzip. Ich habe mir bei den
Arrangements ja auch etwas vorgestellt, und wie nah kommen dann diese
Arrangements an den finalen Sound heran und was muss ich unternehmen,
um dort hinzugelangen. Und das ist natürlich immer
Künstlichkeit, denn ohne Künstlichkeit funktioniert
Kunst nicht.
7.) Kannst du das neue Album und das Konzept dahinter kurz
erläutern? Es ist nicht einfach nur eine Platte, auf der zehn
Coverversionen drauf sind, bei Fiestasongs zum Beispiel, das war eine
Referenz an das klassische Latin-Pop-Produkt aus den 60er, 70er Jahren,
wo einfach eine Reihe von Stücken drauf sind, bei denen jetzt
nicht mal unbedingt klar ist, ob es Cover sind oder Eigenkompositionen
wie irgendeine Tito Puente Platte. Da kommt ein Stück, noch
ein Stück und noch ein Stück, davon sind 3 Cover und
4 sind eigene und dann sind da noch ein paar Klassiker drauf. Diesmal
wollte ich eine Platte machen, die das Projekt Coconut noch aus einer
ganz anderen Ecke heraus beleuchtet, deshalb auch diese digitalen
Einwürfe und diese 10 Interludes, in denen es im Prinzip darum
geht, was ist Coconut und das Ganze noch einmal herausheben aus dieser
eindeutigen Simulation, die die letzten Platten waren. Wobei das jetzt
bei der Yellow Fever schon ein bisschen mehrschichtiger ist, wo man,
wenn man so ein bisschen die Ohren aufhält, nicht so glatt
durchkommt. Das Projekt gleitet als Simulation nicht so durch, es ist
eine Simulation, die streckenweise funktioniert und dann immer auch
aufgebrochen wird.
Und darum ging es auch bei diesen Interludes. Auch die Tatsache, dass
man da verschiedene Gastmusiker einlädt, die dann noch
verschiedenen Aspekte hinzubringen in das Projekt. Also die ganzen
Gastmusiker sind im Prinzip Leute, die alle an ähnlichen
Baustellen arbeiten oder so an anderen Enden dieses Spektrums ihr Zeug
machen. Da habe ich halt Material angefragt zu bestimmten Themen oder
bestimmten Arbeitsideen und die haben das dann eingeschickt und ich
habe es eingebunden.
8.) Wie kam es eigentlich zu der Senor Coconut Idee?
Das Ganze entstand auf eine sehr keimartige natürliche Art und
Weise und zwar aus einem Gespräch geboren mit einem Freund von
mir. Damals stand ich noch in der Produktion zu "pop artificielle" und
viele Leute sagten mir „mach doch mal etwas mit
Kraftwerk“; das passte aber in "pop artificielle"
logischerweise überhaupt nicht rein. Ich hatte auch bis dato
keine Kraftwerkplatte selber besessen, sondern immer nur bei Freunden
manchmal etwas gehört oder im Radio. Eines Morgens wachte ich
auf im Kopf mit "Showroom Dummys" oder "Neonlights", das ich auch nur
aus dem Gedächtnis kannte, und ich hörte es aber als
"Cha Cha Cha". Und da war mir klar, dass es Potential hat als Idee,
logischerweise, auch weil das Original so stark vorhanden war in mir.
Andererseits weil diese Kombination, die ich mir so vorstellte im Kopf
sehr gut funktionierte. Und es war nie ein Albumprojekt oder Konzept,
sondern es war einfach nur eine Idee, diese zwei Pole, und ich fing an,
einfach nur, um mal zu gucken wie es funktioniert diesen Titel zusammen
zu sampeln. Ich habe dann meine ganze Latino-Plattensammlung in
Scheiben zerlegt und habe dann aus diesen ganzen Scheiben die
Kraftwerkstücke wieder neu zusammengesetzt. Ich fing an mit
einem Titel und dachte, mal gucken ob es noch einen anderen Titel gibt,
und plötzlich wuchs es und wurde immer
größer. Auch die Produktionsart wurde immer
kohärenter, möchte ich sagen, bis dann irgendwann das
Album fertig war. Dann sah man es auch aus einer Distanz und dann war
es einfach so und wurde auch veröffentlicht.
9.) Von Montreal bis Moskau, wie waren die Reaktionen auf Senor Coconut live? Publikumsreaktionen hatten wir, ohne jetzt übertreiben zu wollen, ausschließlich gute. Wir hatten natürlich auch schlecht besuchte Konzerte, aber normalerweise haben die Leute, die da sind, eine gute Zeit da, und wir auf der Bühne auch. Es gab natürlich auch Leute, und das fing schon bei dem Albumkonzept selber an, so Puristen logischerweise beiderseits, die es ganz furchtbar finden. Also entweder Kraftwerkpuristen oder Völkerkundler, die können damit nichts anfangen und fragen dann „was soll das denn sein“. Für mich zählt allerdings dann der Moment, in dem die Leute, die dies interessiert, auf das Konzert gehen oder sich die Platte anhören. Da hatten wir live sehr sehr gute Momente, wir haben ja auch auf großen Festivals gespielt. Ich wollte immer mit dem Konzept, mit der Platte auf die Bühne und bei der Präsentation der Show genauso eine gute Zeit haben wie das Publikum auch. Und auch dabei etwas lernen, etwas Neues machen, mit Musikern arbeiten, auch mit Instrumenten, mit denen ich vorher noch nicht gearbeitet habe, etwa einer Bassposaune, die ich noch nie gesehen hatte, und so auch diese Musiker einfach mal kennen zu lernen, um dadurch auch meinen Musikwortschatz zu erweitern und das eigene Wissen auszubauen.
10.) Wie war die Reaktion von Kraftwerk, die ja normalerweise
ihre Coverversionen nie mögen?
Das Witzige dabei war, dass ich von den ersten vier fertigen Titeln
damals eine CD-R erstellt hatte, die ich an Plattenfirmen geschickt
habe. Es waren nicht viele, ich glaube vier oder fünf Kopien,
quasi eine für jeden Kontinent. Aus irgendeinem, mir nicht
bekannten Grund, gelangte eine dieser Kopien an Kraftwerk –
also eine Kopie einer Kopie über Irgendjemanden. Auf dieser
Kopie stand aber auch nichts drauf, da stand nur drauf
„Kraftwerk Latino“ oder irgendetwas
ähnliches, das heißt, Kraftwerk selber wussten
nicht, wo das herkommt oder wer das gemacht hat; ist es echt oder ist
es nicht echt. Und ich glaube diese Unbefangenheit hat Kraftwerk auch
eine neutralere Sicht auf die Musik gegeben. Wenn sie von vorneherein
gewusst hätten, es kommt auf einem deutschen Label raus in
Frankfurt und der Typ ist aus Frankfurt, wäre man vielleicht
ein bisschen vorsichtiger gewesen, denke ich, keine Ahnung. Und da gab
es eben überhaupt keine Informationen, und sie fanden es gut
– gut bis sehr gut würde ich sagen. Und durch noch
eine seltsamere Kombination von Zufällen fanden sie dann
heraus, dass ich das war. Dann bekam ich irgendwann einen Anruf von
Florian Schneider, der das sehr gut fand, bis auf einen Titel, der nur
auf der japanischen Veröffentlichung drauf ist,
„Radioactivity“. Den fanden sie nicht so toll, und
den habe ich dann von der europäischen Version
heruntergenommen.
11.) Erzähl uns was zu Coconut FM
Ich habe diese Coconut FM herausgebracht, eine Compilation mit
lateinamerikanischer Tanzmusik aus einem populären
Underground. Musik aus Brasilien, Chile, Argentinien, die dort
Unterschichtenmusik ist. Es ist viel Reggeaton drauf und Funk carioca
und ähnliche Musiken. Ein Freund von mir hat es mal so auf den
Punkt gebracht: „the ugly ist the new beautiful“.
Das war der gleiche Moment wie damals bei Acid, wo ich sagen
würde, wie kann man das machen, weil es völlig
unorthodox produziert und billig produziert ist. Die Leute haben kein
Geld, sitzen in einem Vorort und haben einen kleinen Sampler und machen
halt einfach irgendetwas damit. Und das ist natürlich auch
sehr inspirierend, dass da jemand kommt, der einen komplett anderen
Ansatz hat an Musik. Es ist allerdings auch eine Musik, die
völlig unkompatibel ist mit was man hier in Deutschland so
hört. Man versteht die Sprache nicht, und dann versteht man
die Musik auch nicht, und das finde ich ist eher das Interessante
daran; solche Ansätze wie „warum finde ich das jetzt
hässlich und das andere schön?“,
„Was ist da der Unterschied?“ oder „Kann
ich da irgendetwas herausziehen?“. Das ist so
ähnlich, wie das Design der Bildzeitung –
“Warum ist es hässlich, oder was steht
dahinter?“; „Was macht dieses Hässliche
aus?“, Es ist so, dass ich das bei Musik ähnlich
sehe, und da ist gerade diese lateinamerikanische Ecke sehr
inspirierend.
12.) Was inspiriert dich heute an aktueller Musik
Ich höre nicht bewusst viel Radio oder gucke auch kein
Fernsehen oder MTV oder solche Geschichten. Natürlich dringen
hier und da mal Sachen zu einem durch, auch durch Freunde, aber da gibt
es sehr sehr wenige Sachen, die ich dann richtig gut finde
–extrem wenige. Vielleicht ein oder zwei Titel pro Jahr, wo
man sagt „Super!“. Der Letzte war von "Snoop Dog
– Drop it like it’s hot". Das ist ein Titel, wo ich
sage „wow – super gemacht!“ Und der Rest
? Da bekomme ich Kopfweh von! Das kann ich mir einfach nicht antun,
weshalb ich es auch lasse; das ist keine Quelle für mich, weil
mich das eigentlich voll runterzieht, mir jeden Tag Popmusik
anzuhören, weil einfach nichts Gutes dabei ist.
13.) Wie stehst du heute zu "Sampling"?
Sample heißt übersetzt „Ausschnitt,
Probe“. Es heißt nur Sample, weil die Sampler eben
immer nur so kurz sampeln konnten. Deshalb blieb es immer nur eine
Probe, weil es nur eine Sekunde war oder zwei. Man hätte es
natürlich auch gerne 30 Minuten gehabt, aber je
länger diese „Probe“ wird, desto
hinfälliger wird der Begriff "Probe". Denn irgendwann ist es
keine Probe mehr, sondern ein Original. Deshalb trenne ich nicht mehr
Sample oder Nicht-Sample; für mich ist alles, was auf der
Festplatte ist, gleichwertig. Ob das jetzt 16 Sekunden sind aus einem
"Tito Puente" Stück oder 16 Sekunden, die man selber
aufgenommen hat, das ist dann zweitrangig. Es geht darum: Ich habe
verschiedene Materialien aus verschiedenen Quellen, und versuche, sie
kompatibel zu machen und irgendwie in das Bild zu bekommen, was man
sich vorstellt.
14.) Was können wir von den neuen Senor Coconut Liveshows erwarten? Die Erweiterung des Plattenkonzepts geht parallel mit der Erweiterung des Livekonzepts. Wir haben einen Musiker mehr dabei, spielen jetzt das Material aus drei Alben und ich glaube, ähnlich wie auf der Yellow Fever, wir es mehr „elektronische Einwürfe“ geben; eher Interludes und mehr Dynamik in der Präsentation. Also nicht nur: das Konzert fängt an, die Band kommt auf die Bühne, sondern vielleicht erst mal mit weniger Musikern spielen, dann kommen Musiker dazu, es gehen Musiker weg. Wir werden auf jeden Fall ein besseres Licht haben; generell der Versuch, das ganze Set-up zu verbessern und das Ganze noch professioneller zu gestalten.